Adam Valentin Volckmar

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geb. 06.03.1770 in Schmalkalden/Thüringen, gest. 1851
 
Die Rintelner Stadtgeschichte ist so reich an interessanten Persönlichkeiten, dass es nicht leicht ist, die Erinnerung auch nur an die Bedeutendsten unter ihnen wach zu halten.
 
Zu den weitgehend in Vergessenheit Geratenen gehört auch der Komponist Adam Valentin Volckmar, obwohl sein Werk bis heute nichts von seiner Stärke und Ausdruckskraft verloren hat.
 
Adam Valentin Volkmar wurde am 6. März 1770 als Sohn eines Zinngießers in der thüringischen Stadt Schmalkalden geboren. Das Gebiet der Herrschaft Schmalkalden war damals, ähnlich wie die Grafschaft Schaumburg, eine vom Kernland weit entfernte, zu Hessen-Kassel gehörige Exklave.
Da der väterliche Beruf des Zinngießers häufig mit dem des Orgelbauers verbunden war, ist anzunehmen,  dass Volckmar bereits als Kind mit Instrumenten und ihrem Spiel vertraut war und auf diese Weise den Weg vom Handwerk zur Musik fand. Eine gründliche musikalische Ausbildung erhielt er durch den Schmalkaldener Organisten und Komponisten Johann Gottfried Vierling, einem Schüler Carl Philipp Emmanuel Bachs. Beide prägten das Musikverständnis des jungen Talents nachhaltig. Die ersten eigenen Kompositionen, eine Sammlung leichter Orgelstücke, erschienen 1796 in Leipzig. Einige Jahre später gab ein Offenbacher Verlag drei Sonatinen für Klavier mit Violine und Violoncello heraus.
 
1799 nahm Volkmar die Stelle eines Gesanglehrers beim Landgrafen von Hessen-Rheinfels in Rotenburg an und wechselte 1805, frisch vermählt mit der Pastorentochter Philippine Zeiss, als Stadt- und Stiftsorganist nach Hersfeld.
 
Mit der Gründung des sehr gut ausgestatteten Kurfürstlichen Gymnasiums in Rinteln im Jahr 1817 versammelte dessen neuer Direktor Gottlieb Wiß nicht nur ausgezeichnete Fachlehrer für Sprachen, Geschichte und Naturwissenschaften in der Weserstadt, sondern suchte auch namhafte Künstler für die musische Bildung. Es gelang ihm, eine kombinierte und deshalb besser dotierte Stelle für einen Stadtorganisten und Musiklehrer am Gymnasium einzurichten, so dass Rinteln mit Volckmar einen erfolgreichen Musiker aus einer deutlich größeren Stadt verpflichten konnte.
 
Volkmar reiste im Oktober 1817 von Hersfeld nach Rinteln. Um für sein umfangreiches Gepäck, darunter ein kostbares Pianoforte, Sorge zu tragen, begleitete er es auf dem Weg per Schiff auf Fulda und Weser, allerdings blieb ihm später die schleppend langsame Reise wie ein wahrer Alptraum in Erinnerung. Der Ankunft in Rinteln, am 29. Oktober 1817, folgte der Einzug in das hiesige Stadtorganisten und –küsterhaus. Dieses Gebäude steht noch heute am Kirchplatz 4, unmittelbar gegenüber dem Südportal der Stadtpfarrkirche St. Nikolai, der Wirkungsstätte Volckmars.
 
Die Kirchenmusik in Rinteln hatte seit der Reformation immer wieder ein erstaunlich hohes Niveau erreicht. Schon Ende des 16. Jahrhunderts wurden Orgelkonzerte mehrstimmig mit den unterschiedlichsten Instrumenten begleitet und figuriert. Mit dem Dienstantritt des neuen Organisten und seinem geradezu berühmt virtuosen Orgelspiel machte sich nun erneut eine Hebung des Niveaus bemerkbar, das das Musikleben in der Weserstadt nachhaltig prägte.
 
Volckmars Zeitalter des Biedermeier war in besonderer Weise für Musikalität empfänglich. Romantisches Natur- und Lebensgefühl vereint mit bürgerlicher Innerlichkeit sorgte für eine Gründungswelle von Laienchören, wobei die 1833 gegründete Rintelner Liedertafel zu den ersten in Norddeutschland gehörte. Die meisten dieser Chöre formierten sich unter der Regie von örtlichen Kantoren. Welchen persönlichen Anteil Volckmar in Rinteln daran hatte, ist allerdings ungewiss.
 
Volckmar war Musiker durch und durch, so dass ihm seine Zeitgenossen auch manche Sonderlichkeit und Sprödigkeit gern verziehen. So auch Friedrich Buschmann, der Erfinder der Terpodions, einer Art Kleinorgel, mit der er auf Konzertreise durch Deutschland unterwegs war. Am 23. Januar 1828 stellte er auch in Rinteln sein neues Instrument vor. „Der alte Volkmar“, schrieb er später, „scheint mir ein eigen Kraut, sonst aber ein guter Mann und tüchtiger Musicus zu seyn, ich muss gestehen, die Leute gefallen mir.“ Besonders gefiel ihm Sophie, die junge, ebenfalls ungemein musikalische Tochter Volckmars, eine Zuneigung, die nicht unerwidert blieb. 1833 heirateten sie und es folgte eine Konzerttournee der beiden Talente durch halb Europa. Schließlich stellten sie das Terpodion in London Königin Victoria vor, die ein Exemplar für sich erwarb.
 
Auch der jüngere der beiden Söhne Volckmars, Wilhelm,  war als Musiker erfolgreich. Nach dem Abitur auf dem Ernestinum setzte er als einer der berühmtesten Orgelvirtuosen und -komponisten seiner Zeit im Umfeld von Franz Liszt und Louis Spohr, neue Maßstäbe. Seine „praktische Orgelschule“ hat Generationen von Musikern an das Instrument herangeführt, 1886 erhielt er in Berlin den Ehrentitel „Professor“ und „Königlicher Musikdirektor“.
 
Adam Valentin Volckmar wurde auf diese Weise zum Stammvater einer ganzen Dynastie von leidenschaftlichen Musikern, die sich zum Teil bis in die Gegenwart fortsetzt. Noch heute leben direkte Nachfahren beruflich von und mit der Musik.
 
Dem Rintelner Stadtorganisten war es nicht beschieden, den kleinstädtischen Rahmen zu verlassen. Dennoch erfreute sich auch Adam Valentin Volckmar in seinem Umfeld ausgesprochen hoher Wertschätzung, sowohl für sein ausgezeichnetes Orgelspiel als auch für seine Kompositionen unter denen ihm selbst das Orgelwerk „Te deum“ besonders am Herzen lag.
 
Charakteristisch für Volckmars Schaffen war dabei nicht Modernität oder stilistische Ausgefallenheit, sondern perfekte kompositorische Ausgestaltung und Variation. Seine Kammermusikwerke stehen, so urteilt heute der Schweizer Musikverleger Bernhard Päuler, „weit über der Gebrauchsmusik ihrer Zeit“. Ihre „technische Brillanz, ihr edler Melos und die ausgewogene Stimmführung“ machen sie zu musikalischen Kostbarkeiten der Hochklassik.
Bemerkenswert an den Kammermusikstücken ist zudem die Tatsache, dass Volckmar offenbar Kenntnis vom aktuellen Stand der Weiterentwicklungen im Bau der Klarinette hatte und seine Stücke entsprechend ausrichtete.
 
Hunderte Schüler und ungezählte Gottesdienstbesucher faszinierte Volckmar in den Jahrzehnten seines Wirkens mit seinem Orgelspiel und erntete in einer Zeit, in der Musik nicht alltäglich, sondern besonderen Anlässen vorbehalten war, eine Dankbarkeit und Verehrung, die heute beinahe fremd anmutet. So führte die renommierte Bückeburger Hofkapelle 1846 zu seinem 50. Dienstjubiläum in der Nikolaikirche ein großes Konzert in Begleitung von mehr als 70 Sängern auf, wobei der Jubilar auf „einem Throne oder Großvaterstuhle“ im Mittelpunkt stehen sollte.
Es hatte den Anschein als verneige sich die ganze Stadt, angefangen mit den Schülern und Lehrern des Gymnasiums über die zahlreichen Rintelner Sänger bis hin zu den offiziellen Kirchen und Amtsvertretern vor dem verdienten alten Herrn. Der freilich, zog nicht gern soviel Aufmerksamkeit auf seine Person und ertrug die Ehrungen eher unwillig, ein Umstand, über den man verständnisvoll hinwegging.
 
Im hohen Alter begann Volckmar zu kränkeln, häufige Erkältungen, die man mit der feuchten Kirchenluft erklärte, banden ihn immer wieder wochenlang ans Haus, eine Zeit freilich, die er unter anderem auch mit dem Komponieren verbracht zu haben scheint. Ein großer Teil seiner Partituren trägt die nach 1839 angenommene Schreibweise seines Namens mit „ck“. Er erlebte noch die von ihm so vehement betriebene Grundsanierung der Rintelner Orgel und hatte noch die Genugtuung selbst auf ihr zu spielen.
 
Nach seinem Tode 1851 geriet der zu Lebzeiten viel Gerühmte schnell in Vergessenheit. Er selbst hatte seine Werke, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Mangel an Geld, nur zum geringsten Teil veröffentlicht. Sein Sohn Wilhelm, in dessen Besitz sie übergingen, war selbst Komponist und arbeitete an der eigenen Karriere. Auch die hohe Komplexität der Orgelwerke, von denen manche dem Organisten Höchstleistungen abverlangen, dürfte dazu beigetragen haben, dass Zeitgenossen und Nachfolger im Zweifelsfalle lieber zur einfacheren Partitur eines anderen Komponisten griffen.
Volckmars Notenwerke blieben damit weitgehend unbekannt und überstanden die Zeiten im Besitz der Familie bis sie 1910 dem Rintelner Museum geschenkt wurden.
 
Ihre Veröffentlichung, die der hannoversche Musikprofessor Sievers schon 1966 dringend empfahl, könnte man als überfällig bezeichnen. Zu dem Orgelstück, das der Rintelner Kreiskantor Wolfgang Westphal bereits 1999 zu Ehren seines Vorvorgängers herausgab gesellen sich nun „neue“ Kammermusikstücke, die am 1. März 2008 im Ratskellersaal erstmals seit mehr als 150 Jahren in Rinteln wieder zu hören waren. Der Heimatbund der Grafschaft Schaumburg, der Trägerverein des Rintelner Museums, beging mit ihnen den Auftakt zum Fest seines 100-jährigen Bestehens. Der Norddeutsche Rundfunk moderierte den Abend und nahm später eine CD auf.
 
 
Quelle: Dr. Stefan Meyer, Museum Rinteln

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